29. Juli 2017

Ärgernis Jagd?

Mag. Monika Reiterer

Ist die Jagdausübung ein Ärgernis
oder
eine unverzichtbare kulturelle Dienstleistung ?

Auf den ersten Teil der Frage möchte ich folgendermaßen antworten: Die Jagdausübung kann nur ein Ärgernis sein, wenn Jäger die Jagd so ausüben, dass sie mit der Art ihres Verhaltens andere Menschen willentlich verärgern. Das bedeutet, wir müssen genau genommen nicht das Handeln, sondern den Handelnden unter die Lupe nehmen, d. h. nicht die Jagdausübung, sondern der Jäger ist das Ziel der Überlegungen.

Bevor wir den zweiten Teil der Frage beantworten, müssen wir uns – um nicht aneinander vorbeizureden – auf eine Definition des Begriffes „Kultur“ einigen. Meinen Überlegungen nach manifestiert sich KULTUR in der Verbindung von zwei Bereichen: Kultur umfasst einerseits die praktische, pflegliche Gestaltung der Natur durch den Menschen und andererseits die Pflege von Geist und Seele. In beiden Bereichen ist das konstitutive Merkmal, dass es sich um „pflegende, pflegliche“ Vorgänge handelt ! – Warum ? Nun, der Begriff „Kultur“ wird ja vom lat. Verb „colere“ abgeleitet, das „pflegen“ heißt ! – „Cultura/Kultur“ ist folglich die pflegliche Bearbeitung des Bodens; Kultivierung des Bodens heißt also nicht Auslagem, Ausbeuten der Natur, sondern pflegliche, sorgsame Nutzung – oder, um es zeitgenössisch auszudrücken „wise use“. – Und die „Pflege“ von geistigen und seelischen Fähigkeiten wiederum betrifft nicht die rein funktionsgerichtete Ausbildung, sondern die Bildung des Charakters.

Der gut ausgebildete (!) Jäger hat Sachkompetenz erworben. Der ganzheitlich gebildete (!) Jäger verfügt über Sinnkompetenz.

Ein ganz allgemeines Beispiel für diesen Gedanken: Eine Schule, die sich auf die Übermittlung praktischer Kenntnisse als Vorbedingung für die spätere Berufsausbildung beschränkt – im Dienste der Wirtschaft oft gefordert und verwirklicht -, eine solche Schule bleibt dem Heranwachsenden das Wichtigste schuldig, nämlich die Möglichkeit einer geistig-seelischen Entwicklung, die ihm – über das reine Geldverdienen hinaus – helfen könnte, seinem Leben einen Sinn zu verleihen. – Und gestatten Sie noch folgenden Hinweis: Die ausschließlich aus naturwissenschaftlichen Kenntnissen beruhenden Fähigkeiten eines Arztes kann sich jeder entsprechend talentierte Mensch aneignen. Ein guter Arzt im Vollsinn des Wortes ist er deshalb noch nicht. Ihm fehlt das entscheidende Merkmal eines guten Arztes, ihm fehlt das Erkennen der Ganzheitlichkeit der Lebenszusammenhänge. Nur eine ganzheitliche Bildung umfaßt auch die für jeden einzelnen von uns zutiefst entscheidenden Leitvorstellung über das Leben, über das Sein, über den Tod.

Auch den Begriff „Dienstleistung“ müssen wir abklären, um Mißverständnisse möglichst zu vermeiden: Dienen und Dienst wurden in unserer sogenannten Dienstleistungsgesellschaft völlig abgekoppelt von ihrem eigentlichen, soziokulturellen und kultusphilosophischen Sinn. Halten wir daher fest: Dienen heißt behilflich sein, förderlich sein, keine Alleinansprüche stellen, bereit sein, Opfer zu bringen, auf etwas verzichten. Dienen und Dienst sind somit sittliche, moralische Verhaltensweisen. Und wer wirklich dient, der ist auch demütig, im genauen Sinn des Wortes „dienst-willig“, der hat den Mut zu dienen, der hat eben Dienst-mut, De-mut. Und diese echte Demut führt zu einem kraftvollen, solidarischen Denken und Verhalten.

Wenn Jagdausübung kein Ärgernis sein soll, dann muß sie logisch abgeleitet – als kulturelle Dienstleistung verwirklicht werden,

Umdenken ist gefordert, Denken in ganzheitlichen kulturpolitischen Zusammenhängen. Denn je mehr und je umfassendere kulturpolitische Zusammenhänge von jedem einzelnen Jäger erkannt werden, desto weiter wird sein geistiger Horizont. Soziokulturelle Zusammenhänge erfahren und erfassen, heißt ja nichts anderes als Sinn finden und Sinnhaftigkeit gestalten können und dadurch gesellschaftspolitisch sicherer werden.

Das Ziel meiner Arbeit und somit auch meines Buches war und ist es, die Jagdausübung kritisch transparent zu machen und klarzustellen, dass das Weidwerk als kulturelle und daher auch kulturpolitische Dienstleistung nicht nur ausgebildete, sondern ebenso gebildete Jäger braucht; Jäger, die Kultur vorleben als das Zusammenwirken von pfleglichen Eingriffen in die Natur aufgrund exakter Ausbildung verbunden (!) mit ganzheitlicher Bildung, d. h. mit Orientierungs-, Identitäts- und „Herzenswissen“. Diese letztgenannten drei Wissensbereiche gehen über jagdliche Sach- und Fachkenntnisse hinaus. Sie repräsentieren die unumgänglich nötige Sinnkompetenz, die nicht aus naturwissenschaftlichen Kenntnissen, sondern nur aus geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen und aus dem „Herzenswissen“, ‚raison de coeur‘ nach Blaise Pascal (1623 – 1662). Oder wie es John Locke (1632 – 1704) formulierte: „Nihil est in intellectu, quod non antea fuerit in sensu.“ Der Sinn, die Empfindung, die Emotion sind jene Triebkräfte, die uns erst vom Wort über die Ant-wort zum Ver-antwort-ungs-bewußtsein führen.

Vergessen wir nicht: Jeder de facto Umweltzerstörung geht eine kulturelle Umweltzerstörung voraus.

Kulturelles Verhalten ist sinnhaftes und sinnstiftendes Verhalten, d. h. nicht allein nutzgebundenes Tun und Lassen. Es sollte daher gelingen, die Jagdausübung als eine wahrheitsoffene Kultur der Begegnung von Mensch und Wildtier verständlich zu machen; „wahrheitsoffen“, weil sie die Umwandlung allen Seins im Tod bewußt zu leben versucht und als Notwendigkeit für neues Leben anerkennt. – Oder, wie Marc Aurel, der Philosoph auf dem römischen Kaiserthron, der 180 n. Chr., im Feldlager Vindobona (Wien) an der Pest starb, es ausdrückte: Der Tod ist ebenso wie die Geburt ein Geheimnis der Natur, diese eine Zusammensetzung, jener eine Auflösung derselben Grundstoffe.

Zuviele Menschen haben gar keine oder eine verdrehte Vorstellung von Natur und Kultur. Und wer gegen diese irregeführten Meinungen nur mit naturwissenschaftlicher Sachkompetenz vorgeht, der stuft sich auf eben dieselbe Argumentationsebene ein, nämlich auf die nur naturräumliche Sachkompetenz. – Da Jagdausübung jedoch ein wesentlicher Urtypus einer Schutz- und Erhaltungsform menschlicher Gemeinschaft verbunden mit von Generation zu Generation überlieferten Transzendenzbewußtsein war, müßte die einseitig-naturwissenschaftliche Argumentationslinie endlich durch Argumentationskräfte aus der kulturgebundenen Bildungskompetenz aufgestockt werden. Weidwerk als eine bedeutungsvolle Wurzel der Kulturisation der Gattung „Homo“ war ein sozialdynamischer Prozeß, der mit Mythos, Religion und Philosophie verbunden war. Die Mythen sind weitgehend versunken, die Religionen sind konfessionsgebunden fundamentalisiert oder halten der Säkularisierung nicht stand. Was bleibt, ist die Philosophie, die der Naturwissenschafter, der Vater der vergleichenden Verhaltensforschung Konrad Lorenz als „wissende Ganzheitsbetrachtung“ bezeichnete. Dies ist mit ein Grund, weshalb ich eine auf kulturphilosophischer Sinnkompetenz, auf ganzheitlicher Bildungskompetenz, beruhende Argumentationslinie in meinem Buche anbiete. – Die Jagd ist nicht – wie einst Kurt Lindner behauptete und ihm viele heute noch glauben – »etwas spezifisch Menschliches«. Jedes Wolfsrudel, jeder Tiger, jeder Fuchs, u.s.w. jagt. In diesem Sinne tut der Mensch auch nichts anderes. Aber da jedes menschliche Tun auch eine kulturelle Seite hat, ist die Jagdausübung durch den Menschen darüber hinaus mehr: das Typische an der von Menschen ausgeübten Jagd ist die Verknüpfung dieses Tuns mit dem Transzendenten. Das macht die Jagd auf menschlichen Niveau zum Weidwerk, zum „Werken für die Weide“, zum „Werken“ für Wildtiere und Umwelt. Ohne fundierte Kenntnisse der soziokulturellen Entwicklung des Jagdwesens – das ist mehr als pure historisch-chronikalische Sachkenntnis – wird die nötige Änderung in der jagdpolitischen Argumentationsstrategie nicht erreichbar sein.

Es geht mir darum zu zeigen, dass im jagdlichen Bereich eine überwiegend brach liegende, teilweise verkümmerte Humanressource erschlossen werden sollte, nämlich der ganzheitlich denkende Jäger als Kultur-Anbieter in einer schätzens- und deshalb erhaltens-werten Wertschöpfungskette.

Kultur-landschaften sind in erster Linie Denk-landschaften.

„Wise use“, „sustainable development“, Nachhaltigkeit – wie auch immer wir diese pflegliche Vorgangsweise im Umgang mit der Natur nennen – kann anders vertreten werden, wenn wie als kulturerhaltende Leistungsform begründet wird und nicht nur als Möglichkeit, die nichtmenschliche Natur allein um ihrer selbst willen zu schonen. Weder eine rein anthropozentrische noch eine rein naturzentrierte Verhaltensweise führt aus der derzeitigen Sackgasse heraus: Was verwirklicht werden müßte – gerade im jagdlichen Bereich – ist eine stabilisierende Koppelung von Wertressourcen aus beiden Bereichen und somit eine Strategie der ganzheitlichen Argumentation. – Das gedankliche Werkzeug zur Umsetzung einer solchen Strategie ist in den derzeit verwendeten Jagdausbildungs- und Prüfungsbehelfen leider überhaupt nicht oder nur Ansatzweise enthalten.

In meinem Buch finden Sie Anregungen für derartige Schlüsselstrategien, Bezugspunkte für eine evolutionäre Jagdkultur-Politik, die nicht von einem brüchigen Ethik-Gerippe notdürftig aufrecht erhalten wird, sondern die von einer praktikablen ganzheitlichen Jagd-Philosophie, einer als dynamisches System ausgearbeiteten „Ethik der Ehrfurcht vor dem Sein“ getragen wird.

Wer Hegen, Pflegen und Jagen als kulturelle Dienstleistung begründen kann, der gewinnt eine neue Sicht auf die Unterschiede, die Jäger, Jagdkritiker und Jagdgegner derzeit trennen.

Als kulturelles Verhalten ist Jagdausübung z. B. immer mit einer ganz spezifischen „Heimat“ verbunden, ob es sich nun um eine Alpenregion oder um die Kalahari der Buschmänner oder um die Eiswüsten der Inuit handelt. Die kulturelle Verwurzelung in einer für den Einzelnen noch überschaubaren Region liefert die Basis für die ideell fundierte Gemeinschaft. Bricht diese Verwurzelung weg, d. h. wird die kulturelle Umwelt zerstört, fällt eine solche Gemeinschaft auseinander; aus der Gemeinschaft werden Gruppen und Grüppchen, die dann bereit sind, gegeneinander zu agieren, zu Lasten ihrer Um- und Mitwelt und zum Schaden der eigentlich gemeinsamen „Sache mit der Jagd“. – Wie schon gesagt, jeder de facto Umweltzerstörung geht eine kulturelle Umweltzerstörung voraus.

Einen Gedanken möchte ich noch erläutern:

Im Bereich der Jägerschaften höre und lese ich immer wieder, dass man nur ja nicht als elitär gelten wolle. – Auch diese Tendenz entspringt einem kulturellen Mißverständnis bzw. der fehlenden ganzheitlichen Sehweise. – Meines Erachtens sollte die Jägerschaft ganz bewußt eine Gemeinschaft mit geförderter Elitebildung werden, und zwar so rasch wie möglich. Warum ?

Das aus dem Französischen entlehnte Wort „Elite“ bedeutet „Auslese“; es geht auf das lateinische eligere zurück. Und grundsätzlich werden zwei Arten von Eliten unterschieden:

1. Eliten, die durch spezielle Maßnahmen gebildet werden, z. B. durch systematische Erziehung oder Befähigungsnachweise.

2. Eliten, die sich spontan durch überragende Leistungen herausbilden. Oberstes Gebot aller Eliten ist es, die bestmögliche Leistung im Denken und Handeln zu erbringen. Dazu kommt noch die Fähigkeit zur Führung größerer Gemeinschaften. Freilich hat nicht jedes Mitglied einer Elite Führungsvermögen in tragfähigem Ausmaß, weshalb zukunftswillige Eliten auch offene Eliten sein müssen, offen für neue Führungskräfte.

Eliten brauchen für ihren überdurchschnittlichen Leistungswillen nicht die Bewunderung durch die Masse. Denken wir an den Leistungswillen im besten Sinne des Wortes elitärer Gemeinschaften wie jener der „Schwestern aus dem Orden von Mutter Theresa oder wie jener der um Schwester Emanuelle, die sich um die Müllmenschen von Kairo kümmern.

Gerade Demokratien brauchen Eliten, weil Demokratien auf dem Gleichheitsgrundsatz aufgebaut sind. Diese Gleichheit wird jedoch häufig falsch interpretiert. Demokratische Gleichheit kann es nur auf ein bestimmtes oder wenige deklarierte Merkmale hin geben: Gleichheit vor dem Recht, Gleichheit in der Menschenwürde, Gleichheit aller Menschen als Geschöpfe Gottes. – Das Gerede von der Chancengleichheit leugnet die natürliche Mannigfaltigkeit der Begabungen und Charaktere, um parteipolitisches Kleingeld zu prägen.

In diesem Sinne wäre es äußerst wünschenswert, würde aus kulturpolitischen Erwägungen die Heranbildung von jagdlichen Eliten gefördert, von jagdlichen Eliten, die mit entsprechendem kulturpolitischem Wissen und einer ganzheitlich ausgerichteten Weltsicht als Avantgarde, als Vor-denker, als Vor-kämpfer, als „trailblazer“ wirken könnten. Solche Eliten könnten der Jagdgegnerischen Meinungsindustrie, der oft tragikomischen Fehlhaltung des heutigen urbanen Menschen gegenüber Wildtieren und Jagdausübung glaubwürdig entgegentreten.

Glaubwürdigkeit ist eine positive Macht. Machtgewinn wiederum ist wie Beutegewinn. Beides bedarf der Balance, beides bedarf der Ehrfurcht vor dem Sein, weil wir uns im Weidwerk einüben in die Vergänglichkeit des Lebens. Jagdausübung sollte daher die Ausübung einer Macht ohne Herrschaft werden, eines Vermögens, einer Fähigkeit ohne Herrschsucht, denn nur diese Form der Macht bildet eine wahrhaft tragfähige Autorität: echte „auctoritas“ bedeutet „(Ver-)mehrung“. Und was anderes sollte ganzheitlich durchstrukturierte Nachhaltigkeit sein, als sozialpolitisch ausgewogene (Ver-)mehrung von lebens-werter Um-welt. – Diese positiven Formen von Macht und Autorität können von der Humanressource „Jäger“ in drei Funktionsbereichen eingesetzt werden: im ökologisch-demographischen DA-sein, im kulturspezifischen SO-sein und im soziologisch-gemeinschaftstauglichen EINS-sein.

Wer als Jäger nicht nur die Sprache des Kopfes, sondern auch die des Herzens als Kommunikationsmedium zuläßt,

wer als Jäger nicht nur fachspezifisch-naturwissenschaftliche Sachkompetenz, sondern auch ganzheitlich-kulturwissenschaftliche Sinnkompetenz bieten kann,

wer als Jäger nachhaltige Lebensführung nicht nur als Wirtschaftlichkeitsmaxime akzeptiert, sondern vor allem als kultursoziologische Forderung versteht,

DER wird als Jäger ZUKUNFTSFÄHIGER werden.

Manuskript des Vortrages; gehalten am 11. Juni 2003.