29. Juli 2017

Jäger und Wilderer

ÖCV – Hubertuszirkel

Univ.-Prof. Dr. Roland Girtler

Die kulturelle Bedeutung der Jagd
Noble Jäger und Wilderer –
die archaische Tradition der Jagd

Die Jagd als Heldentat

Die Freude an der Jagd und am Erlegen des Wildes ist Symbol des kühnen Mannes, auch wenn für ihn die Jagd nicht mehr lebensnotwendig ist. Mit der Jagd, so meint der Kultursoziologe Th. Veblen, knüpft der moderner Jäger an alte archaische Lebensweisen an, in der es noch Heldentaten gab. Für den modernen Mensch, der die Freizeit entdeckt hat, ist die alte heldenhafte Tradition offensichtlich wichtig. Sie mag sich in einer extensiven sportlichen Betätigung ausdrücken, aber vor allem in der Jagd (Vbl. Th.Veblen, Theorie der feinen Leute, Frankfurt / M., 1986, S. 245). Es fällt zum Beispiel auf, so meint Veblen, dass selbst gutartige und nüchterne Männer beim Jagen eine Unmenge von Waffen und Zubehör mit sich herumtragen, um sich selbst von der Ernsthaftigkeit ihres Unternehmens zu überzeugen. Wenn solche Jäger zum Angriff auf das Wild übergehen, so bedienen sie sich gern einer Art theatralischen Paradegangs, und wenn sie im Hinterhalt liegen, so führen sie äußerst komplizierte und übertriebene Bewegungen aus, welche offenbar zum Ritual der Heldentat gehören (a.a.O., S. 245).

Die alten Jägerkulturen

In alten Jägerkulturen haben sich Rituale entwickelt, die dazu dienen, das Tier zu achten, die aber auch die Versorgung der Stammesangehörigen sichern sollen. So haben die australischen Eingeboren spezifische Regeln, wann, wo und wie ein Känguruh getötet werden darf. Ist ein Australier alleine unterwegs und erlegt er dabei ein Känguruh, so ist es seine Pflicht, bestimmte Teile des Tieres (Oberschenkel usw.) in das Lager zu bringen, um es den Alten und Frauen zu geben. Tut er dies nicht, so drohen ihm Strafen durch die Gottheit (Impotenz, Krankheit usw.).
Mit der Jagd sind in den alten Jägerkulturen eine Reihe von Ritualen verbunden, die die Jagd zu einer heiligen Handlung machen. Gerade in den sogenannten primitiven Jägerstämmen, wie den Ituri Pygmäen, besteht eine Begeisterung für die Jagd, die alle Männer durchzieht. Sie sind Meister im Anpirschen. Ein Afrikaforscher schreibt über diese Urwaldjäger: „Bei der Erinnerung an die Jagd glühen die wilden dunklen Pygmäenaugen auf ….. Jagd ist des Pygmäen einziger Traum eines glücklichen Daseins.“(zit. in: W. Schmidt und W. Koppers, Der Mensch aller Zeiten, Regensburg, 1924, S. 408).
In den Tänzen der Pygmäen wird die Jagd mimisch wiedergegeben, wie in anderen archaischen Kulturen auch, deren Männer allesamt kühne und gewitzte Jäger waren. Über die Weddas in Südostasien wird erzählt, ihre Kunst, sich Tieren anzuschleichen, sei derartig perfekt, dass die Singhalsen meinen, vor den Weddas flüchte das Wild nicht (a.a.O., S. 409).
Alte, in diesen Stammeskulturen angelegte Jagdrituale und Jagdmotive scheinen auch in der modernen Jagd weiterzuleben (s.u.).

Die bäuerliche Jagd und die Tradition der Wildschützen

Ein wesentliches Interesse an der Jagd hatte seit frühen Zeiten der Bauer. Als Jäger brachte und bringt er Wildpret auf den Tisch, sorgt sich um Kleidung (Lederhose) und bietet Schutz für Mensch und Wald. Nach altem germanischen Recht hatte jeder freie Bauer das Recht zur Jagd in den Gebieten, die der Allgemeinheit gehörten. Es galt das Rechtssprichwort: „Das Gebiet, über welches nicht Pflug und Sense geht, gehört jedem“. Mit der Zeit jedoch versuchte die Aristokratie, das Jagdrecht für sich alleine zu beanspruchen. Dem kam die Übernahme des römischen Rechtes entgegen, wonach der Landesherr Eigentümer von Grund und Boden wurde. Dem Bauern, der unter den Wildschäden zu leiden hatte, drohten schwere Strafen, wenn er sich als Jäger betätigte. Während der Bauernaufstände 1525 forderten die Bauern immer wieder von der Aristokratie das Jagdrecht, allerdings vergeblich. Vor diesem Hintergrund versteht sich die Kultur des Wilderns, wie sie vor allem im Gebirge entstand. Der Wilderer als Held der „kleinen Leute“ genoß einiges Ansehen. Mit dem Wildern verbanden sich eine Reihe von Mannbarkeitsritualen und Symbolen (R. Girtler, Wilderer soziale Rebellen im Konflikt mit den Jagdherrn, Linz, 1988). Erst 1848 erhielt der Bauer das Recht zur Jagd. Allerdings waren eine Reihe von Bauern durch die Grundentlastung derart verschuldet, dass ihre Höfe versteigert wurden und in den Besitz von reichen Bürgern gelangten (vgl. P. Rosegger, Jakob der Letzte), die in der Folge die Jagd im Stile der alten Aristokratie weiterführten. Die hungernden Bauern sahen sich nun gerechtfertigt, auch diesen Herrn das Wild, vor allem die Gams, wegzuschießen.
Für die Bauern, die schließlich zu legalen Jägern wurden, ist die Jagd weiterhin von großer Bedeutung, nicht nur was die Verhinderung des Wildschadens anbelangt, sondern auch was die sozialen Kontakte in der Gemeinschaft der Jäger und im Dorf betrifft.

Der Berufsjäger

Er ist im Dienst von Jagdherrn, ihm obliegt die Sorge um das Wild, aber auch die Vorbereitung und die Durchführung der Jagd seines Auftraggebers. Seine Pflicht ist es, den Jagdherrn und seine Gäste vor Schäden und Unfällen zu bewahren.
Kaiser Franz Josef fühlte sich daher diesen Leuten sehr verpflichtet. Einige seiner Berufsjäger zeichnete er hoch aus. Margutti, Adjutant des Kaisers, schreibt dazu: „Den Hofjagdleiter von Ebensee, Titz von Wildprügg, und seinen Nachfolger Böhm erhob er in den Rang von Hofräten und bedachte sie gelegentlich mit dem Ritterkreuz des Leopold Ordens, den ersteren im Jubiläumsjahr 1908 sogar mit dem Komturkreuze mit den Sternen des Franz Joseph Ordens. Auszeichnungen, welche ansonsten nur Divisionäre nach einigen Jahren erfolgreicher Kommandoführung erhielten.
Der Jägerberuf stand also in den Augen des greisen Kaisers hoch über allen anderen und adelte, seiner Auffassung nach, von vornherein jene, die sich ihm widmeten“ (zit. in: R. Girtler, Die feinen Leute, Linz, 1989, S. 65). Auch für Kaiser Maximilian war die Jagd eine wichtige Sache, bei der der Berufsjäger seinen Herrn zu schützen hatte. In seinem „geheimen Jagdbuch“ von 1503 gibt er Ratschläge, wie man sich als Jagdherr zu verhalten hat, um heil die Jagd zu überstehen: „Du sollst allzeit einen oder zwei Jäger weit vor dir die Berge hinunter gehen lassen, damit sie dich führen und die Wege besichtigen. Du selbst (der Jagdherr) aber sollst stets, wenn es die Berge hinauf geht, ganz vorne vor deinem Gefolge gehen. Geht es die Berge herab, dann laß jedermann vor dir gehen und du gehe zu hinterst, einen oder zwei ausgenommen, die du neben dir gehen läßt, denn allzeit werden Steine in Bewegung gesetzt.“ (Kaiser Maximilians I. geheimes Jagdbuch, herausgegeben von Th. G. von Karajan, Wien, 1881, S. 17).
Der Berufsjäger hat also traditionell, wie Maximilian andeutet, keine leichte Aufgabe, wenn es gilt, dem Jagdherrn eine genußvolle Jagd zu ermöglichen. Dazu gehörte es selbstverständlich auch, Gefahren auf sich zu nehmen.

Die gesellschaftlichen Kontakte des Jägers

Traditionell bietet gerade die Jagd nobler Leute die Möglichkeit, wichtige soziale Kontakte, wie das Vermitteln von Geschäften oder das Bemühen um politische Protektion u.ä., einzugehen. In diesem Sinn sind jene hohen Staatsbeamten und Diplomaten zu verstehen, die in- und ausländische Geschäftspartner zu Jagden einladen, um politische Geschäfte abzuwickeln. Die sogenannten Diplomatenjagden erregen bisweilen Aufsehen, so z.B. als bei einer solchen 1976 der österreichische Botschafter Alexander Otto seinen französischen Kollegen Pierre Sebilleau, den Doyen des Diplomatischen Corps, erschoß. Es wird auch berichtet, dass bei einer Diplomatenjagd in Deutschland ein Diplomat einen Forstbeamten aus vierzig Schritt Entfernung getroffen habe. Der Forstbeamte überlebte, er ging Monate am Stock (W. Henkels, Ja, ja, sagte der alte Oberförster, Düsseldorf, , S. 56f). Der deutsche Bundespräsident Heuss, der als Gastgeber bei vielen Diplomatenjagden anwesend war und offensichtlich nicht gerade begeistert davon war, schrieb übrigens in seinen Tagebuchbriefen: „Jägerei ist eine Nebenform von menschlicher Geisteskrankheit, von der ich nie befallen war. Auch Diplomaten und deutsche Staatsmänner sind dafür anfällig. Es ist ein Politikum nicht ohne Reiz“. (a.a.O., S. 59). Und Konrad Adenauer soll gesagt haben: „Jäger sind faule Menschen“.

Die Vornehmheit der Jagd

Für den alten Adel, der dem Bauern und Bürger die Jagd verboten hatte, war die Jagd ein Zeichen nobler Distanz, ein „religiöses Exerzitium“. Der Bürger übernahm nach 1848 das Symbol der Jagd und orientiert sich nun als Rechtsanwalt oder Primararzt an adeligem Lebensstil (s.o.).
So erscheint es als schmeichelhaft, zu vornehmen Jagden von Primarärzten, Prinzen oder Bordellbesitzern eingeladen zu werden. Ebenso vornehm glauben jene Jäger zu sein, die dafür zahlen, irgendwo in fernen Wildnissen einen Bären oder ein anderes exotisches Tier jagen zu dürfen.
Aus diesem Grund bietet zum Beispiel auch ein gräflicher Nachkomme im Burgenland gegen gutes Geld finanziell starken Gästen Jagdschloß und kühne Jagden an, bei denen der tapfere Jäger lediglich die Trophäe erhält. Ähnlich verhielt es sich in den alten Ostblockstaaten. Die Trophäe erscheint als Ausweis und Symbol noblen Jägertums.

Das Abenteuer der Jagd

Jagd bietet also Abenteuer. Das Anpirschen an das Wild und das Leben im Wald verschafft ein archaisches Gefühl des Erlebens. Ein solches hat der traditionelle Gamsjäger, aber ebenso der Wildschütz, im Gebirge.
Es geht um das Erlebnis der Jagd, z.B. um die Bärenjagd. Kaiser Maximilian z.B. wußte, die Jagd zu einem umfassenden Ereignis zu machen, wie in seinem „geheimen Jagdbuch“ nachzulesen ist.

Jagd als Angeberei und der unwaidmännische Jäger

Schließlich ist hier auch der Jäger als wilder Schießer und Trophäenjäger zu nennen. Ein Autor schreibt treffend über diesen Typus: „Während der Revierinhaber mehr dem zu den Freuden der Ehe auch ihre Opfer auf sich nehmenden Ehemann und der „Ausgeher“ dem treuen Liebhaber gleichen, findet sich unter den Jagdgästen immer wieder einmal so ein Don Juan, dem es ausnahmslos um den raschen Abschuß, die Trophäe und die große Zahl des im Schußbuch laufend durchnummerierten Wildes geht. Manche Exemplare dieser Gattung sehen im Revier nur mehr eine Art jagdliches Freudenhaus, in dem alles käuflich ist, wenn man nur genug Geld hat.“ Der Autor beklagt sich vor allem über diesen Typ, weil es ihm lediglich um Protzereien geht, nämlich die prächtige Trophäe und die Abschußliste. Er hält weiter fest: „Verglichen damit ist der Bauernbub, der mit vor Jagdlust strahlenden Augen seinen ersten Hasen heimträgt, ein wahrer König, jedenfalls aber ein wirklicher Jäger.“ (H. Horneck, Jagd in der Zeit, Graz, 1971, S. 75).
Auch alle Jäger, die bei Treibjagden sich betätigen und für die das Wild zu einer Schießbudenfigur wurde, müßten hier genannt werden. Besonders unwaidmännisch ist jener Jäger, der aus dem Auto schießt, der das Wild blendet, der sich an keinen Kodex hält und dem es nur um das Fleisch geht.

Abschließende Gedanken

Jagd ist eng mit menschlicher Geschichte und Kultur verbunden . Die Jagd ist wichtig, sie verschafft offensichtlich eine Beziehung zur Natur.
Dass die Jagd den Menschen erfreut, wußte auch Karl Marx, der sich von der kommunistischen Gesellschaft erwartet, „ganz nach Belieben am Vormittag jagen und am Nachmittag fischen zu können“. Aber auch mit Spott überzog und überzieht man Jäger, wie zum Beispiel Ferdinand Raimund, der in einem Lied sich über den „Sonntagsjäger“ belustigt . Dieses Lied, das ich abschließend [hier zur Gänze] wiedergeben will, ist von kulturwissenschaftlicher Bedeutung, es ist aber auch versöhnlich:

Wie sich doch die reichen Herrn
Selbst das Leben so erschwern !
Damit s‘ Vieh und Menschen plagen.
Müssen s‘ alle Wochen jagen.
Gott verzeih mir meine Sünden,
Ich begreif nicht, was s’dran finden,
Dieses Kriechen in den Schluchten,
Dieses Riechen von den Juchten.
Kurz, in allem Ernst gesagt:
’s gibt nichts Dümmers als die Jagd.
Schon um drei Uhr ist die Stund
Für die Leut‘ und für die Hund
Jeder kommt mit seinem Stutzen
Und da fangens an zu putzen
Nachher rennens wie Besessen
Ohne einen Bissen z’essen
Ganze Tage durch die Waldung,
Und das ist a Unterhaltung !
Ah, da wird ein’m Gott bewahr’n,
D‘ Jäger sind ja alle Narrn.
Kurz, das Jagen lass ich bleiben.
Was die Jägerburschen treiben,
Wie s‘ mich habn herumgestoßen,
Bald hätt ich mich selbst erschossen.
Über hundertausend Wurzeln
Lassen ein’m die Kerle purzeln,
Und kaum liegt man auf der Nasen,
Fangen s‘ alle an zu blasen,
Und das heißen s‘ eine Jagd !
Ach, dem Himmel sei’s geklagt.
Müd als wie ein g’hetzter Has
Setzt man sich ins kühle Gras,
Glaubt, man ist da ganz allein,
Kommt ein ungeheures Schwein.
Und indem man sich will wehren,
Kommen rückwärts ein paar Bären,
Auf der Seiten ein paar Tiger,
Und weiß Gott noch was für Viecher,
Und da steht man mitten drin !
Dafür hab ich halt kein‘ Sinn.
Nein die Sach muß ich bedenken.
D‘ Jäger kann man nicht so kränken (!).
Denn, wenn keine Jäger wären,
fressen alle uns die Bären.
s‘ Wildpret will man auch genießen.
Folglich muß’s doch einer schießen,
Braten, Schnepfen, Haselhühner,
Gott, wie schätzen die die Wiener !
Und ich stimm mit ihnen ein:
Jagd und Wildpret müssen sein !!!

Dieser Beitrag wurde am Seminar in Geras 2000 vorgetragen und in der Festschrift „15 Jahre ÖCV – Hubertuszirkel“, 2001 publiziert.