29. Juli 2017

Jagd-Ethik

Abt Univ.-Prof. DDr. Joachim F. Angerer
Abt des Stiftes Geras

Die Jagd aus kirchlich ethischer Sicht

(Eine Niederschrift nach einer Tonbandaufnahme)

Faßt man den Titel „Die Jagd aus kirchlicher Sicht“ eng, und versteht man unter dem Gesichtspunkt „kirchlich“, jetzt „amtskirchlich“, dann wären wir wahrscheinlich in wenigen Minuten mit diesem Thema und seiner Abwicklung fertig.
Denn aus kirchlicher Sicht – und meistens nimmt man ja an, dass kirchlich auch eingebunden bedeutet in das, was das kirchliche Recht, was kirchliche Verordnungen ausmacht – kommt kaum viel Einschlägiges vor. Es gibt, bzw. gab es lediglich einen Passus im Codex juris canonici (=CIC), der besagt, dass Kleriker an Treibjagden nicht teilnehmen dürfen.
Dieser Passus hat folgenden Hintergrund: Zur Zeit, da man in der Jahrhundertwende zum 19. / 20. Jahrhundert den Kodex niederschrieb, waren Kleriker natürlich sehr wohl bei Treibjagden beteiligt. Vor allem die hochrangigen Kleriker, wie Bischöfe, Erzbischöfe u.a. erschienen mit ihrem Gefolge auf Treibjagden. Einer dieser hohen Herren der damaligen Zeit, ein Erzbischof, erschoss nun bei einer dieser Jagden einen Treiber. Dieser Erzbischof mit Namen Khon war der Erzbischof von Olmütz. Dies veranlaßte Rom die Teilnahme an Treibjagden für Kleriker zu verbieten.
Wenn ich Jagd also aus kirchlicher Sicht darlegen soll, dann muß ich bei mir selber beginnen. Ich bin Jäger, ich habe es nie verheimlicht, dass ich Jäger bin, obwohl ich zum Jagen kam wie die „Jungfrau zum Kinde“. Von meiner Ausbildung her bin ich selber eigentlich Theologe, Historiker und Musikwissenschafter.
Seit 1969 obliegt mir auch das Amt eines Provisors und Waldmeisters im Stift Geras und somit bin ich für die wirtschaftlichen Angelegenheiten unserer Kommunität zuständig. Ich komme selbst aus einem Geschäftshaushalt und fing daher an, mir nach meiner Übernahme die Stiftsbilanzen anzuschauen.
1968 wurde in Geras der Naturpark eröffnet. Damals war ich noch nicht zuständig, aber ich war als Dirigent des Jägerchors bei der Eröffnung dabei. Ich habe also viele Geschichten auf diese Weise bei den Jägern miterlebt und wurde so auch in das waidgerechte Jagen eingeführt. Die Prüfungen freilich dazu habe ich erst sehr viel später abgelegt. Grund dafür war die unbefriedigende wirtschaftliche Situation in unserem Jagdrevier.
In einem der Reviere des Stiftes wurden in freier Wildbahn, bei falschem Biotop, Mufflons eingesetzt. So etwas, wenn ich dies als Rat geben darf, sollte man nicht einmal seinen Todfeinden antun ! Die Problematik konnte ich ursprünglich nicht erkennen, aber es fiel mir sehr schnell auf, dass diese Jagd finanziell weniger brachte als eine viel kleinere Bauernjagd in unmittelbarer Nachbarschaft. Trotz solcher Hinweise vor unseren Forstleuten lautete deren Refrain am Ende sämtlicher Debatten stets: „Jemand, der nicht zur Jagd geht, kann dabei nicht mitreden !“ Dieses hörte ich mir ein oder zwei Jahre lang an und immer lautete eben die Ausrede ähnlich. Ich war häufig bei Reviergängen dabei und eignete mir auf diese Weise eine gewisse Waidmannssprache an. Ich konnte also wenigstens auf diesem Gebiet mitreden. Dennoch packte mich irgendwann die Wut derart, dass ich mich hinsetzte, und es mir gelang mit Studium von zwei Tagen den Jagdschein zu absolvieren.
Ich bin zwar ein „viel geprüfter Mensch“, mit anderen Worten, ich habe viele Prüfungen abgelegt, aber noch nie im Leben hatte ich so viel „Beistand“ offenbar von oben, wie bei der Jagdprüfung. Bei der theoretischen Prüfung konnte ich bei einer Schußsituation nicht genau erklären, wie das angeschossene Stück zeichnete und welcher Schuß dies demnach sein sollte. Das wurde pardoniert. Etwas schlechter war dann schon meine Bemerkung, auf die Frage was der Vorderschaft an einer Schrotflinte bedeutet: Als ich lediglich zur Antwort geben konnte, „na ja, wahrscheinlich braucht man diesen, um sich nicht die Finger zu verbrennen“, hatte ich die Prüfer nicht mehr auf meiner Seite. Trotzdem war das Prüfungsresultat im ganzen positiv.
Beim Kugelschießen wusste ich, dass ich treffsicher bin. Dies hatten wir öfter mit dem Jägerchor auf Schießscheiben geübt. Doch das Schrotschießen war mir völlig fremd. Ich hatte noch nie eine Schrotflinte in der Hand gehabt. Ich beobachtete also auf der Schießstätte die anderen Schützen, wie und was sie zogen. Ich trat dann schließlich als letzter an, konnte freilich von vier Tontauben drei davon treffen und zertrümmern. Am darauffolgenden Tag nahm ich meinen Jagdschein, ging in die Forstkanzlei zum damaligen Forstmeister Fridolin Stockhammer und warf ihm den Jagdschein mit den Worten auf den Schreibtisch: „Fridolin, und jetzt rede ich mit !“ So kam ich also endgültig zur Jagd. Ich bin somit seit 1972 Waidmann.
Die praktische Ausbildung bezog ich bei unserem derzeitigen Forstmeister Ing. Riener. Er führte mich solide in das Waidwerk ein. Schnell gelang es uns, trotz großer Schwierigkeiten, die Jagden wirtschaftlich und strukturell in Ordnung zu bringen. Dies erachte ich für einen eigenständigen Wirtschaftskörper, wie einem Stift, sehr wichtig, weil ansonsten die Finanzierung nicht gewährleistet ist. Auch ein Stift könnte dem Konkurs unterliegen, es wirtschaftet auf eigenes Risiko und auf eigenen Erfolg.
Freilich, bei meiner Vorgangsweise musste ich sehr schnell feststellen, dass die Jagdpächter vor allem in der Jagd Pernegg sehr viel mehr auf Trophäen als auf Wild und Wald schaut. Die Trophäen bei den Mufflons wurden so erfolgreich gezüchtet, dass 1971 bei der Jagdausstellung in Ungarn einer der größten Trophäen eines Winters aus dem Revier Pernegg stammte. Unser Problem waren freilich die Jagdschäden. Mufflons vermehren sich wie Schafe und richten dadurch entsetzlichen Schaden an. Es war daher dringend nötig, Reduktionsabschüsse durchzuführen. Ich erzähle dieses so bewußt, weil es einfach unverantwortlich ist, wenn in einem Revier durch falsche Wildhaltung katastrophale Schäden angerichtet werden. Dies ist bei den Mufflons der Fall. Man hätte sie ohnedies in unseren Breiten nicht einsetzen dürfen, zweitens man hätte sie sehr viel intensiver bejagen müssen.

Die Jagd aus christlicher oder kirchlicher Sicht muss also aus mehreren Gesichtspunkten betrachtet werden. Zunächst betrachte ich sie einmal aus der praktischen Berücksichtigung, und zwar aus meiner Erfahrung. Der Jäger muß eingreifen. Wenn der Jäger nur eingreift, weil er die Trophäe sucht, dann ist das meines Erachtens auf ganze besehen unverantwortlich.
Das war ganz genau in Pernegg der Fall. Es wurden lediglich Widder gezüchtet. Die Folgen waren den Pächtern damals gleichgültig. Es hat sich auch von uns – dies sei ehrlich eingestanden – niemand darum gekümmert, wir trugen also auch selbst mit Schuld. Der Grundeigentümer oder der Jagdherr hat immer gemeinsam mit den Jagdpächtern Verantwortung. Ich sehe dieses gerade auch aus unserer Sicht. Wir werden ja immer angegriffen, vor allem auch aus den Kreisen der Jäger. Dabei getraut sich kaum ein Priester je ehrlich zuzugeben, dass er Jäger ist. Es wird nämlich dann sehr schnell behauptet: „Na ja, der hat eine Passion ! Das ist nicht das Rechte und das Gute ! Obendrein sind die Jäger überhaupt kaum eine gute Gesellschaft. Sie gehen auch normalerweise nicht in die Kirche.“ Sie kennen alle diese Vorurteile. Ich selber hakte immer ein und behauptete, jawohl ich bin ein überzeugter Jäger. Ich freue mich, wenn ich eine gute Trophäe erlegen kann, aber mir ist es viel lieber, wenn ich einen Abschuss tätige eventuell von einer Rehgeiß, die in den Kulturen von unten bis oben die Bäumchen verbeißt und somit großen Schaden verursacht.

Ich kann also sagen, die Jäger – das wäre jetzt aus kirchlicher Sicht – sollten ihr Vorgehen in zwei Worte kleiden: Diese zwei Worte lauten lateinisch: „contemplatio“, und „operatio“. Contemplari heißt zunächst betrachten, anschauen, oder auch modern ausgedrückt meditieren. Operatio meint das Tun ! Ich muss also als Jäger wissen, und das, so meine ich wäre christlich, dass ich Verantwortung trage. Ich muss in Zusammenhängen denken. Wenn ich nur Wild erlegen will, um es zu besitzen, dann besitze ich es zwar, wenn ich es erlegt habe, aber dies kann nicht befriedigen. Ich habe Anspruch darauf, wenn ich es nur schieße um die Trophäe zu besitzen. Das ist gewiss auch eine Seite des Weidwerks. Ich selbst erlegte schon gute und weniger gute Böcke und freute mich darüber. Trotzdem muss ich immer bedacht sein, dass das gesamte Revier gut funktioniert und organisiert ist und sowohl Wald als auch Wild im Gleichklang gut bestehen können.
Ich glaube, es wäre verantwortungslos, wenn man nur der Jagd willen bzw. des Erlegens, also der Trophäen willen zur Jagd geht. Das würde ich als moralisch nicht in Ordnung halten. Man muß die Gesamtzusammenhänge sehen, man muss den Kontext erfassen. Wir haben Verantwortung für das, was der Mensch eigentlich in und an der Natur angestellt hat. Wir haben so vieles im Verlaufe der Geschichte verändert. Das, was wir Schöpfung nennen, oder worin wir die Handschrift des Schöpfers erkennen dürfen, und den Gesamtzusammenhang Schöpfer, Schöpfung und Geschöpfe gestört haben, darin müssen wir wieder versuchen einigermaßen den Gleichklang herzustellen. Das ist oft nicht der Fall und damit geraten wir in Gefahr, in Verruf zu kommen. Deswegen gibt es so viele Jäger, die auf der einen Seite die Erfahrung machen (das ist auch meine), es gibt da Jäger die alles kurz und klein schießen und ledigliche „Fleischschützen“ sind. Es sind solche, die sich die Jagd gerade noch leisten können, die dann aber, weil sie etwa in Wien ein Gasthaus führen, einmal in der Woche das Revier besuchen und alles was da sich regt und bewegt, erlegen um es in Wien vermarkten zu können. Solche Vorgangsweise halte ich für total unverantwortlich !

Das zweite ist, dass manche teils so schlecht schießen, dass Tiere wirklich zu leiden haben. Ich glaube, darin tragen wir wirklich Verantwortung, nämlich im Tier das Geschöpf zu sehen. Es ist daher wichtig, dass ich Schussqualität habe, eine klare, saubere Art das Wild oder ein Tier zu erlegen. Dies gilt genau so beim Schlachten. Wenn ein Tier leiden muß, müssen wir dieses zur Kenntnis nehmen. Denn Tiere Wesen sind, die uns in der Schöpfung, im Leben gleich sind, und ebenso, dass diese unsere Mitgeschöpfe leiden müssen.
Solche Gesichtspunke und Überlegungen sind sehr entscheidend. Wir müssen dies wieder neu in unsere Überlegungen einbringen. Ein guter Waidmann, so glaube ich, tut das ohnedies; ich glaube, jeder von uns hat auch den Ehrgeiz, exakt und präzis zu schießen, eine ordentliche Schussqualität zu haben. Dass dies nicht immer gelingt, ist bekannt. Dafür haben wir auf der anderen Seite die Hunde. Es sollte jedoch unser Ehrgeiz sein, die Würde des Tieres, die Würde des Geschöpfes darin zu sehen, dass wir uns verpflichtet fühlen, gut zu schießen und gut zu erlegen. Ebenso meine ich, dass wir verpflichtet sind, dem guten alten Brauchtum gemäß, ein erlegtes Wild entsprechend zu versorgen. Brauchtum bedeutet nichts anderes als dem Jäger die Gelegenheit zu geben, vor dem getöteten Geschöpf, also dem Eingriff in die Schöpfung Respekt zu haben und dem toten Geschöpf in seiner Würde Anerkennung zu leisten.

Aus diesem Zusammenhang heraus – darin sehe ich auch die christliche Sicht – überlassen wir solche Überlegungen nicht etwa nur Hinduisten oder Buddhisten. Wir verkünden, dass wir alle in einem Kreislauf uns befinden. Dies erkennen wir auch als Christen, dass es nämlich einen Schöpfer gibt, dass wir alle Geschöpfe sind und, dass der ganzen Schöpfung auf je unterschiedliche Art, Leben innewohnend ist. Das muss in der heutigen Zeit mehr denn je propagiert werden.
Es dürfte nicht mehr unbekannt sein, dass ich selbst in der Öffentlichkeit betonte: „Ich leihe mein Gesicht und mein Wort den Schweinen“. Damit sind unsere Freilandschweine gemeint. Gute Qualität – und darum erzähle ich es eigentlich – wird nur durch eine naturnahe Fütterung und Haltung der Tiere erreicht. Die Natur lässt sich zwar beeinflussen und sogar vergewaltigen, aber dies gelingt nicht auf Langzeit. Es gibt Spitzenerträge und auf der anderen Seite auch das Gegenteil. Wir selber kennen dieses aus Erfahrung, vor allem aus der Fischzucht. Wenn ich aber möglichst mit der Natur wirtschafte, dann habe ich gute und zuverlässige Erträge. Das ist eigentlich Nachhaltigkeit und die auf Langzeit ausgerichtete Wirtschaftlichkeit.
Im Stift Geras wurde die Landwirtschaft schon vor langer Zeit auf biologisch umgestellt. Wir halten deshalb jetzt auch die Freilandschweine. Dieses ist ein Versuch, der von der Universität mitgetragen wird. Die Resultate besagen folgendes: Wir brauchen nicht mehr oder weniger Futter als diejenigen, die in der Massentierhaltung Schweine produzieren. Es gibt schon Bioschweine, die beste Qualität aufweisen. Unsere Freilandschweine zeichnen sich durch eine noch bessere Qualität aus. Sie leben nämlich in Freiheit. Sie sind natürlich durch Zäune eingegrenzt, aber sie fühlen sich in Wirklichkeit frei. Wenn ich selbst in das Gehege steige, dann kommen die Schweine auf mich zu und erfreuen mich. Ich kann sie fast streicheln. Mit anderen Worten also, und dieses sei damit gesagt, wenn ich dem Tier die Möglichkeit gebe, dass es möglichst naturnahe lebt, ist es nicht nur ein glückliches Schwein, sondern in weiterer Folge, diese Schweine erweisen eine sehr viel bessere Qualität. Man darf sie nur nicht als ledigliche Materie sehen, was unsere große Versuchung und unser großer Fehler ist. Wir sind nämlich leider große Materialisten, gerade auch was die massive Tierhaltung betrifft.
Man weiß heute – und das kommt jetzt erst alles ans Tageslicht -, wie sehr man diese Tiere beeinträchtigt, in welche Stresssituation sie geraten.

Ich bin überzeugt, dass die ganze Umwelt eben Schöpfung bedeutet. Ich habe daher Respekt vor jeder Kreatur. Wenn ich das nicht hätte, dann verfügte ich darüber, wie es leider oft geschieht, wie mit totem Kapital an der Börse der Spekulationen. Ich wiederhole: Es ist immer der Gesamttext, das ganze Umfeld zu beachten. Deshalb erzähle ich gleichsam meine Geschichten, um zu sensibilisieren.
Da sind natürlich viele Fehlentwicklungen in den abgelaufenen Jahren und Jahrzehnten geschehen, vor allem eben darin, dass man nicht das Gesamte im Blickwinkel hat.

Wir Jäger sind gerne stolz und behaupten, wir seien die Hüter und bemühten uns im Wald und wo immer wir sind, Naturschützer zu sein. Deshalb müssen wir in den kleinen Dingen anfangen „Contemplatio“ zu halten, zu betrachten, zu schauen, zu überlegen. Erschossen ist sehr schnell !
Da wir genug Geld haben um zu füttern, ist manch einer versucht, den Wald als etwas verfügbares zu betrachten. Wir unterliegen der Gefahr, anzunehmen, dass alles machbar wäre. Dies ist allerdings eine falsche Richtung, ganz besonders in jeglicher Form von Tierhaltung.
Noch einmal, die Jagd ist ein wichtiger Bestandteil für alle von uns, die Grund besitzen, für die gesamte Besitzstruktur. Ich habe einmal in unseren Archivalien nachgelesen, weil ich einen Vortrag zu halten hatte über kirchliche Auftraggeber. Dabei fielen mir in unserer eigenen Geschichte zwei Prälaten besonders auf, deren Lebenslauf ich auch aufgegriffen und geschildert habe. Der eine, regierend von 1650 bis 1674 hieß Johannes Westhaus. Dazu ist zu sagen, dass Geras im Jahre 1620 zur Gänze zerstört wurde und es Abt Johannes Westhaus oblag, das Stift Geras wieder aufzubauen.
Noch heute hängt bei uns im Stift ein Rehbock an der Wand. Die Geschichte dieses Rehbocks verläuft sehr lustig. Da heißt es: 1625 seien die Chorherrn aus Strahov zurück gekommen, um Geras wieder aufzubauen. Da sie jedoch nicht einmal genug zu essen hatten überlegt sie, den Neuaufbau des Klosters zurückzustellen und endgültig zu kapitulieren. Just in dem Augenblick, da sie Geras verlassen wollten, kam ihnen ein Rehbock entgegen und legte sich vor ihnen zu Boden und erklärte: „Ihr habt nichts zu essen, da bin ich!“

Dieses ist also eine hervorragende Geschichte, die zeigt, wie Geschichte und Geschichten entstehen können. Der historische Hintergrund klingt ganz realistisch: Im Jahre 1620 war Geras zerstört, ausgeraubt und ausgeplündert worden. Dies war schon im Vorfeld des 30-jährigen Krieges, da kamen mansfeldische Truppen von Böhmen nach Geras und zerstörten unser Kloster. 1625 schließlich kehrten die Chorherren zurück, eben aus Strahov, Prag. Sie kamen in eine Klosterruine, wie die Berichte lauten. Dieses dürfte stimmen, denn sie hausten gleichsam über die Jahre in einem Haus ohne Dach. Wie dies möglich war ist für uns Heutige unvorstellbar. Das viel Schlimmere freilich erwies sich darin, dass das Stift und die dazugehörige Grundherrschaft weit überschuldet war. Der Grundherr, um dies zu erklären, übernimmt zwar den Zehent und den entsprechenden Frondienst, die Leistung für den Herrn, aber gleichzeitig als Grundherr hat er in barer Münze die Steuer an den Kaiser weiter zu zahlen. 1625 schließlich beim Neubeginn durch Mitbrüder aus Strahov war die Grundherrschaft von Geras mit 36.000 Gulden beim Kaiser verschuldet. Glück für Geras war damals, dass der verantwortliche „Vaterabt“ vom Kloster Strahov in Prag, Abt Kaspar Questenberg durch seine hohe Abstammung mit dem Kaiser Ferdinand II. im besten Einvernehmen stand. Es war schon die Zeit der Gegenreformation. Die Habsburger wechselten also zweifelhafte Grundherren, die vor allem zum evangelischen Glauben übergelaufen waren, gegen gut und verlässliche katholische aus. Diese kamen nicht zuletzt aus Westfalen und aus Spanien, wie etwa die Grafen Hoyos. Ebenso wurde auch mit den Äbten verfahren. Aus diesem Grund gibt es viele Namen, die aus dem westfälischen stammen, wie in Geras Westhaus, Lachen oder auch andere bedeutende Persönlichkeiten in den Klöstern Niederösterreichs. Ich kenne vor allem einen der Äbte von Klosterneuburg, der ebenfalls aus Westfalen kam.

Abt Kasper Questenberg nun, der dem Kaiser Ferdinand bekannt und vertraut war, bat um Schuldenerlass. Der Kaiser wiederum, in Anbetracht der Tatsache, dass auch andere Grundherren verschuldet waren, konnte dieses nicht zulassen. So kam es schließlich zu einer Versteigerung der gesamten Grundherrschaft, die, wie schon gesagt, mit 36.000 Gulden Steuerschulden beim Kaiser verschuldet war. Da dieses Geld uneinbringlich war, beschloss man, die gesamte Grundherrschaft zu versteigern.
Die Versteigerung ergab, dass der Versteigerungserlös lediglich 4.000 Gulden erbrachte. Freilich, für 4000 Gulden ersteigerte der damalige Konventuale von Strahov, nämlich Benedikt Lachen, die gesamte Grundherrschaft. Dies dürfte offenbar mit dem Kaiser abgesprochen gewesen sein. Jedenfalls wurde Benedikt Lachen im Augenblick der positiv verlaufenen Versteigerung sofort zum Prälaten von Geras proklamiert. Dies war also ein Finanzausgleich Anno Domini 1625.

In meinem Vortrag vor der Görres-Gesellschaft, die damals in Passau tagte, skizzierte ich das Leben eines zweiten Geraser Prälaten, der ebenfalls als großer Unternehmer und wirtschaftlicher Auftraggeber in die Geschichte unseres Hauses eingegangen ist: Abt Nikolaus Zandt, 1730-1746.
Nikolaus Zandt ist bei uns vor allem deswegen in die Geschichte eingegangen, weil er das sogenannte „Neugebäude“ von J. Munggenast 1738 errichten ließ.
Ich gehe deswegen auf die Geschichte der beiden Äbte ein, weil vor allem Abt Nikolaus Zandt in seiner Zeit versucht hatte, Gebietszusammenlegungen vorzunehmen, der Jagd wegen. Die Jagd hatte also immer schon einen großen Stellenwert, vor allem im Rahmen der österreichischen Stifte und vermutlich aller Grundbesitzer. Wir können demnach, und wir wollen auch gar nicht die Jagd ausklammern. Es wäre jede kirchliche Einrichtung schlecht beraten, wenn man sich um die Jagd nicht kümmerte. Auf der anderen Seite bemühe ich mich auch immer wieder, zu schauen: Wer sind unsere Pächter ! Ich schaue nicht so sehr darauf, ob jemand nach außen hin möglichst katholisch oder „brav“ wirkt, sondern ich bemühe mich, seinen Charakter als Waidmann und Mensch, vor allem in seiner Anständigkeit und Verantwortung der gesamten Schöpfung gegenüber, zu beurteilen.

Wiederum hilft natürlich keiner, der zwar viel zahlt, aber dann nur andere einlädt, um alles, was da kreucht und fleucht, zu erschießen. Das Gegenteil wiederum sind diejenigen, die nichts erlegen und den Abschuss nicht erfüllen. Auf diese Weise ergeben sich schlimme Wildschäden, die der Eigentümer nicht dulden kann. Es sind also Jäger mit hoher Verantwortung gefordert, mit einer Verantwortung, in der die Gesamtschau ebenso eingeplant ist, wie der Blick auf das einzelne Geschöpf.
Dass wir selbstverständlich hiefür Anreize benötigen, ist in sich nichts Negatives. Darum kommt der Trophäe Bedeutung zu, natürlich wiederum auch nur in Absprache mit den Nachbarn. Dies ist bei Hirschen gewiss leichter als bei Rehböcken. Leider passiert immer wieder, dass ein Rehbock, der einmal die Grenze überschreitet, vom Nachbarn ohne Rücksicht erlegt wird.
Es ist erschütternd, wie wenig Verantwortung wir Jäger zum Teil haben. Das ist am Land wohl noch schlimmer als sonst irgendwo. Wenn eine Jagd in der Hand der Bauern ist – es tut mir leid dies sagen zu müssen, und zwar aus ureigenster Erfahrung – dann geht das selten gut. Wenn eine Eigenjagd daneben liegt, dann wird alles bis an die Grenzen verfolgt.
Aus meiner Erfahrung kann ich weiterhin sagen, dass es wichtig ist in der Jagd auch das Finanzielle als Ganzes zu sehen. Für uns in Geras ist die Jagd sehr wichtig. Ich bin sicher, dass der Jagd auch im Verlaufe der Jahrhunderte immer eine entsprechende Bedeutung zukam und zugemessen wurde.

Ich möchte noch etwas erklären: die Jagd gehört immer zum Grundbesitz. Da die Kirche stets mit Grund und Boden ausgestattet war, wurde sie stets mit der Jagd und dem Jagdtreiben konfrontiert. Zu jedem Stift gehört die Jagd. Viele Prälaten waren und sind Jäger.
Aus der Einsicht in alte Urkunden lässt sich nachweisen, dass das Wild und Wildbret immer eine willkommene Ergänzung auch des Speisezettels in den Klöstern darstellte. Dies sogar in Klöstern und zu Zeiten, da das Fleisch von Vierbeinern verboten war. Aus diesem Grunde wurden die Teiche bei den Klöstern angelegt oder Klöster an der Donau oder anderen Flüssen gestiftet. Der Grund lag darin, dass St. Benedikt den Genuss des Fleisches von Vierbeinern verboten hatte. Man kam deshalb zur Fischzucht.
In Geras lässt sich ebenfalls urkundlich nachweisen, dass die Teiche künstlich angelegt wurden. Dies bedeutete stets einen massiven Eingriff in die Natur. Extremer Umweltschutz wäre heute sicher gegen die Errichtung solcher Teichanlagen. Auch hier muss betont werden, dass der Mensch stets Eingriffe und Veränderungen in der Natur vornahm. Das Resultat wird heute „Kulturlandschaft“ genannt.

Freilich, man kann nicht gegen sondern nur mit der Natur arbeiten. Dies, so glaube ich, ist eine ganz entscheidende Einsicht, die nicht nur für die Jagd zutrifft, sondern generell Gültigkeit hat. Auch hierin die christliche Einstellung in Zusammenhängen und Bezügen zu sehen und zu handeln.
Zusammenhänge zu betrachten und zu berücksichtigen, darin besteht letztlich Ethik und Moral. Wir leben heute in einer außerordentlich permissiven Gesellschaft, in der alles möglich zu sein scheint. Klonen, Genmanipulation, u.ä. ist heute im Gespräch und sehr bald auch durchführbar. Jedoch alles ist auf Langzeit zu betrachten. Die BSE-Krise machte dieses deutlich.

Uns sind Zeugnisse aus den Klöstern erhalten geblieben, vor allem aus dem 14. und 15. Jahrhundert, denen wir genaue Aufzeichnungen und Festlegungen des Speisezettels entnehmen können. Man nennt dies die sogenannten Visitationsurkunden. Im 15. Jahrhundert waren viele Klöster ausschließlich durch Adelige bevölkert. Viele Stifte wurden durch den Adel gestiftet und so konnte man dort auch unversorgte, nachgeborene Söhne unterbringen. Es kam daher auch zu Missständen, vor allem eben im 15. Jahrhundert.
In Österreich sah sich deshalb Herzog Albrecht V. genötigt, Mönche aus Subiaco in die österreichischen Stifte zu bringen. Er siedelte Nikolaus Seyringer als Abt in Melk an. So entstand die Melker Reform, die zeitweise den gesamten süddeutschen Raum erfasste.
Nur ein Detail: Damals war noch die Orgel verboten. Dies lässt sich ebenfalls aus den Visitationsurkunden ablesen. Erst auf dem Konzil von Basel wurde dann in den 30er Jahren des 15. Jahrhunderts der Gebrauch der Orgel vor allem zu Festtagen erlaubt.
Man muss all diese Entwicklungen mit einem katholischen Auge betrachten. Diese Urkunden zeigen vor allem auch dann, dass der Fleischgenuss wieder neu eingeschärft wurde. Trotzdem mussten die Visitatoren immer wieder in einzelnen Klöstern feststellen, dass man sich nicht daran hielt. Seitenstetten war ein Beispiel dafür. Dort mussten die Visitatoren einige Male reklamieren und den Fleischgenuss verbieten. Bei der zweiten Visitation in Seitenstetten konnten die Reformer sogar bemängeln: Man halte sich nicht nur an das Fleischgebot, sondern man freue sich sogar über den Genuss von Wildbret und Huhn. Bemerkenswert ist auch eine weitere Feststellung, die besagt, man dürfe Hunde und andere Tiere nicht in den Speisesaal mitnehmen. Dies erinnert an die Unsitten oder Sitten der damaligen Ritter auf ihren Burgen, sich der Knochen über den Tisch zu entledigen. Solche Einblicke mögen Einblicke in das Leben in den Klöstern geben.

Es sollte nie zur Konfrontation zwischen Jagdpächter und Grundbesitzer kommen, vor allem wenn Letzterer ein kirchlicher ist. Hier würde ich schon erwarten, dass man vor allem auf dem Lande, in den Dörfern Rücksicht nimmt, etwa auf die Gottesdienste und die Zeiten des Gottesdienstbeginns.
Man kann auch Treibjagden eine Stunde später ansetzen, wenn etwa um 9Uhr der Hauptgottesdienst ist. Dann werden nicht auch noch schließlich die Treiber vom Gottesdienst abgehalten, was zur Verärgerung führen kann. Dem Jäger kommt Verantwortung zu, gleichzeitig wird es ihm nie schwer fallen, Respekt vor den Geschöpfen und der Natur insgesamt zu haben. Für uns ist das Universum die Schöpfung Gottes. Diese kommt nicht aus dem Urknall, sondern wie heute Naturwissenschaftler wie Theologen erkennen und darlegen, steht über all diesem und vor und hinter diesem ein Wesen, das wir nur eben als Gott bezeichnen können.

In diesem Zusammenhang empfehle ich ein Buch von Prof. Hans Küng, nämlich das kleine Büchlein „Credo“. Wir können gerade aus diesen Einsichten neu in Demut anerkennen, dass es einen allmächtigen, gütigen und liebenden Gott gibt, der vor und über allem ist, den die Ewigkeit ausmacht. Sein Sohn freilich wird Mensch und nimmt unser Fleisch an. So beginnt die Offenbarung, so wendet sich Gott im Dialog dem Menschen zu. Es liegt an uns Menschen diesen Dialog fortzusetzen und Gemeinschaft zu kommunizieren. Dabei bedeutet Religio eben Rückbindung in ein großes Ganzes in Gott hinein. Darin erblicke ich contemlatio. Doch Betrachtung ohne die Erkenntnisse in die Tat umzusetzen, also die operatio einzubringen, kann nicht unserer Vorstellung entsprechen. So also ist auch die Jagd einzubeziehen in das große Ganze, in den Kosmos, in die Schöpfung, hinter der ein unendlich gütiger und ewiger Gott steht.
Es bestehen heute große Gefahren, die zum Teil bis zur Selbstzerstörung führen. Wir als verantwortliche Christen sollten in Zusammenhängen stehen und leben.
In der Jagd gibt es auch ganz praktische Erfahrungen: Beispielsweise eine Chance einmal vertan, ist immer vertan. Keine Situation wiederholt sich. In der Natur gibt es keine Bambiromantik. Wir sollten und müssen Realisten bleiben oder werden.

Ich selbst möchte am Schluß bekennen, dass ich dem Jagen sehr viel Schönes und Wertvolles verdanke, nicht nur die Kameradschaft und die Kameradschaftlichkeit der Jäger. Ich möchte die Jagd und die Erfahrung der Jagd nicht missen. Alles freilich muss in jenen weiten Bögen gesehen werden, die ich ein klein wenig bemüht war darzustellen.
Auf diesem Hintergrund werden wir immer zufriedene und glückliche Jäger sein. Dieses wünsche ich für Euch und wünsche ich auch mir!

Dieser Beitrag wurde am Seminar in Geras 2000 vorgetragen und in der Festschrift „15 Jahre ÖCV – Hubertuszirkel“, 2001 publiziert.